Interview mit Till Klimpke (Mai 2018)

Wie ihm der erfolgreiche Spagat zwischen Baufeld und Spielfeld gelingt

Wie bist du zum Leistungssport gekommen? Wann hast du angefangen?

Ich habe 2003 angefangen bei den Minis. Da war ich 5 Jahre alt. Mein Papa war auch Profisportler. Wie das so ist, als kleiner Junge, wird man unter anderem zum Fußball und Handball geschickt. Auch ich habe als Kind noch beide Sportarten ausgeübt. In Dutenhofen-Dorlar habe ich Fußball gespielt, aber schnell gemerkt, dass ich im Handball erfolgreicher bin. Vielleicht liegt das auch in der Familie. Mein Papa und meine beiden Onkel haben bereits bei der HSG Wetzlar gespielt. Auch meine Mama war aktive Handballspielerin. Bei mir stellten sich dann mit der Gießenauswahl, der Hessenauswahl und später dem Einsatz in der Nationalmannschaft die ersten Erfolge ein. Und der Erfolg treibt einen letztendlich an. 

Du hast neben deiner Handballkarriere auch deinen Schulabschluss (Realschule) und eine Berufsausbildung (Land- und Baumaschinenmechatroniker) gemacht. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?

Ich habe die Ausbildung als Land- und Baumaschinenmechatroniker erst in Lützellinden angefangen für 1,5 Jahre. Die Unterstützung seitens des Ausbildungsbetriebes war jedoch nicht so stark ausgeprägt wie bei der Firma Weimer GmbH unter dem Geschäftsführer Martin Bender. Es wurde demnach schnell deutlich, wie wichtig in meiner Situation ein kooperatives Verhältnis und allem voran die Unterstützung des Arbeitgebers ist. Diese Voraussetzung ist quasi unabdingbar, um Sport und Ausbildung erfolgreich zu vereinen. Wie bekommt man das alles unter einen Hut? Ja, es ist anstrengend. Wenn ich um 9.30 Uhr Training habe, gehe ich sowohl vor als auch nach dem Training im Unternehmen arbeiten. Die Belastung besteht jetzt schon seitdem ich 16 Jahre alt bin, dementsprechend gewöhnt man sich einfach im Laufe der Zeit daran.

Stand es für dich von Anfang an fest, neben dem Sport auch noch die Schule zu beenden und eine Ausbildung zu absolvieren?

Ja, auf jeden Fall. Das war von Anfang an klar. Nach der Schule wusste ich nicht, ob ich Fachabitur oder eine Ausbildung machen sollte. Ich war zu dieser Zeit schon sehr erfolgreich im Handball, sodass es perspektivisch gut aussah, eine Profikarriere anzustreben. In dieser Zeit haben meine Eltern und ich in vielen, langen Gesprächen gemeinsam entschieden, dass der Weg einer Ausbildung in meiner Situation wahrscheinlich der Beste ist. Praktische Erfahrungen sammeln und gleichzeitig nach 3 Jahren bereits eine Berufsausbildung in der Tasche zu haben, waren neben dem Sport ein guter Kompromiss. Schließlich kann ich das Fachabitur auch über Fernprogramme noch nachholen. Mit meiner Ausbildung habe ich ein festes Standbein, aber das Fachabitur ist schon in Planung. Auch ein Studium - am liebsten Maschinenbau, welches auch eine Vertiefung zu meinen Ausbildungsinhalten darstellt, möchte ich bereits parallel zu meiner Profikarriere im Handball beginnen.

Wie hoch ist der Zeitaufwand für Sport und Ausbildung? In welchem Verhältnis stehen Sport und Beruf?

Ich arbeite 32 Stunden pro Woche im Betrieb, zumindest steht das in meinem Vertrag (lacht). Handballtraining habe ich sieben bis acht Mal in der Woche. Trainingszeiten sind meist 90 Minuten plus ein Spiel in der Woche. Letztes Wochenende zum Beispiel hatte ich samstags Training, danach sind wir dann nach Erlangen gefahren, da wir Sonntag auswärts gespielt haben und wir oft bereits einen Tag vor dem Spiel anreisen. Sonntags nach dem Spiel kam ich dann spät nach Hause. Rein von dem Zeitumfang her arbeite ich wahrscheinlich mehr im Betrieb. Da ich aber jeden Tag beides mache, kommt es mir ausgeglichen vor. Ich gehe um 7.00 Uhr morgens aus dem Haus und komme abends zwischen 19.00 Uhr und 20.00 Uhr wieder nach Hause. Generell steht für mich jeden Tag sowohl mein Job im Betrieb als auch Handball auf dem Programm.

Wie sieht ein typischer Tages- bzw. Wochenablauf von dir aus?

Tagesablauf: Ich gehe um 7.00 Uhr aus dem Haus in die Firma. Zwei Mal die Woche habe ich um 9:30 Uhr Training. Zusätzlich jeden Tag nachmittags um 16:30 Uhr. Wenn ich um 9.00 Uhr Training habe, geht’s danach wieder zur Arbeit bis ich mich um 16.00 Uhr wieder auf den Weg in die Halle mache. Zu Hause bin ich dann, je nachdem, wie lange ich noch in der Halle bin, gewöhnlich zwischen 19.00 Uhr und 20.00 Uhr. Am Wochenende steht dann im Regelfall ein Spiel an.

Wie oft hast du Training die Woche?

Sieben bis acht Mal in der Woche. Je nachdem, ob samstags noch eine Trainingseinheit geplant ist. Wir trainieren zwei Mal pro Woche morgens und jeden Tag um 16.30 Uhr.

Wird dir das nicht zu viel – jeden Tag in der Halle?

Ich denke nicht. Es macht Spaß. Am 01.07.2018 wird der Profisport zu meinem Hauptberuf, sodass ich endgültig mein Hobby zum Beruf gemacht habe.

Wie würdest du dich in drei Worten beschreiben?

Ehrgeizig, ruhig und lebenslustig.

Was baut dich wieder auf, wenn du mal einen schlechten Tag erwischt hast?

Davon hatte ich schon viele (lacht). Freunde und meine Freundin, aber vor allem meine Eltern und mein Bruder sind immer für mich da. Ich spiele an solchen Tagen dann gerne nochmal eine Runde Playstation mit meinem Bruder zur Ablenkung. Generell kann ich mich aber auch gut selbst aufbauen. Ich brauche dann einfach ein bisschen Zeit für mich.

Woher nimmst du die Motivation, eine solche Doppelbelastung zu tragen?

Ich kann mich gut selbst motivieren, aber auch meine Eltern haben einen großen Anteil. Da ich so ehrgeizig bin, war schon immer mein Ziel erfolgreicher als mein Papa zu werden. Er war Bundesligaspieler bei der HSG Wetzlar und ist von der 2. in die 1.Bundesliga aufgestiegen.

Ich bin ja noch am Anfang von meiner Karriere - mal schauen was da noch kommt. Mein Papa hat schon einen relativ hohen Status bei der HSG. Da muss man erstmal rankommen (lacht).

Bei der Arbeit motiviert mich der Spaß, den ich daran habe. Auch mein Ausbilder ist immer für mich da und baut mich an einem schlechten Tag wieder auf.

Würdest du, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest, alles genauso machen?

Fast, ja. Einige Szenen, also Spielzüge im Spiel, würde ich gerne anders machen, könnte ich die Zeit zurückdrehen. Da kann ich mich an einige Situationen erinnern, in denen wir dann vielleicht erfolgreicher gewesen wären beziehungsweise gewonnen hätten. Bei der Hessenauswahl zum Beispiel haben wir knapp mit einem Tor verloren. In dieser Situation habe ich das entscheidende Tor rein gelassen.  Auch bei der Europameisterschaft gegen Frankreich vor zwei Jahren haben wir im Halbfinale nach Verlängerung ganz knapp mit einem Tor verloren. Letztendlich entscheidet die Mannschaftsleistung ein Spiel, aber solche Situationen bleiben in Erinnerung und werden einen eben noch lange ärgern.

Wo siehst du dich in 5 Jahren?

Ab 01.07.2018 läuft mein Vertrag bei der HSG. Dieser geht 5 Jahre. Von daher hoffentlich als erfolgreicher Profisportler. Und privat? Dann bin ich 25 Jahre. Ich hoffe, dass ich mein Fachabitur bereits in der Tasche habe und eventuell sogar schon ein Studium begonnen habe.

Was ist ein großes Ziel von dir?

In der Nationalmannschaft zu spielen. Außerdem war es schon immer mein Kindheitstraum, der beste Handball-Torhüter der Welt zu werden – das war früher das, was mich immer wieder angetrieben hat.

Mal schauen, was die Zeit bringt…

Wie gelingt es ohne eine Priorität zu setzen, beide beruflichen Wege erfolgreich auszuführen?

Aktuell hat beides noch eine gleiche Gewichtung. Nächste Saison steht die Etablierung in der Bundesliga an, wodurch die Arbeit im Betrieb mehr in den Hintergrund rückt. Aber generell ist mir beides gleich wichtig. Ich möchte mir auf jeden Fall auch neben der Handball-Karriere etwas aufbauen.

Man kann als Profi-Handballer eben nicht wie vielleicht ein Profi-Fußballer nach der Karriere noch ewig von dem Erfolg leben. Deswegen liegt es mir auch am Herzen mein Fachabitur und eventuell ein Studium zu absolvieren.

Was haben deine Familie und deine Freundin für einen Stellenwert im Hinblick auf deine Karriere?

Meine Familie – ohne die wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Ob sie mich ins Training gefahren haben oder bei den vielen Spielen begleitet haben. Auch die intensiven Gespräche, wodurch ich mich immer wieder verbessern konnte, waren sehr wichtig für mich.

Die Unterstützung meiner Familie ist grundlegend für meine Karriere. Auch die Zeit mit meiner Freundin ist ein Ausgleich für mich zum Handball und der Arbeit. Diese gemeinsame Zeit ist sehr wichtig.